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Rezensionen von Elisabeth Simon-Pätzold

Mario Ramos
Ich bin der Schönste im ganzen Land!
2007 Moritz
übersetzt von Markus Weber
ISBN-13: 9783895651809

Empfohlen ab 5
cover



Der Wolf ist in Angeberlaune aufgewacht. Nach dem Frühstück putzt er sich heraus, um im Wald das Publikum zu suchen, das ihn bewundern soll. Als erstes trifft er das Rotkäppchen. Gönnerisch und herablassend nennt er sie "kleine Erdbeere". Sie soll ihm mal bitteschön sagen, wer hier der Schönste sei. Da überlegt das kleine Rotkäppchen nicht lange und bestätigt ihm, dass er der Schönste sei. Das schmeichelt dem Wolf. Er genießt die Bestätigung und versteigt sich zu maßlosem Eigenlob.

Da trifft er die drei Schweinchen. Sie redet er verächtlich und beleidigend an, was die drei sofort in eine devote Haltung versetzt. Selbstverständlich ist er auch hier der Schönste. Sie überschlagen sich förmlich "wie tausend Sterne funkeln Sie", so hört man sie flöten. Das ist Balsam für den Wolf. Gierig saugt er die Schmeicheleien auf und überhöht sie noch durch eigene Kadenzen.

Da kommen die sieben Zwerge daher. "Halbe Portionen" nennt er sie und in seiner Ansprache schwingt unverhohlene Drohung mit. Auch sie bestätigen unterwürfig, dass der "große Wolf" der Schönste sei.

Der Wolf ist in Hochstimmung. Singend und jubilierend schwebt er durch den Wald. Da kommt noch Schneewittchen des Weges. Mit geheucheltem Mitleid lässt er sie zweideutig wissen: "Es sollte sich mal jemand um dich kümmern!". Schneewittchen ist einen Augenblick verwirrt, als sie die Frage hört. "Wer ist der Schönste im ganzen Land?" Diese Frage hatte sich ja früher schon einmal gestellt. Auch sie bestätigt umgehend, dass der Wolf der Schönste sei. Nun fühlt sich der Wolf als König des Waldes. Nun kann ihn nichts mehr aus seiner fabelhaften Laune bringen.

Doch da trifft er den kleinen Drachen. Das ist eine andere Kategorie, die er sich eigentlich nicht gewünscht hatte. Vorsichtig fragt der Wolf nach der Drachenmama und atmet auf, als der kleine Drache unbekümmert sagt, dass seine Eltern zu Hause seien. Sofort wird der Wolf ausfällig. "Kleine Essiggurke" nennt er den Drachen und stellt ihm die gleiche Frage. "Der Schönste", sagt der kleine Drachen völlig überzeugt, "das ist mein Papa!" Vom Papa hat er auch das Feuerspucken gelernt und er pustet eine ordentlich Feuerwolke auf den Wolfspelz. Als der Qualm abgezogen ist, steht ein jämmerlicher, angesengter, verdutzter Wolf da. Der kleine Drache schert sich nicht weiter darum. Er muss jetzt mit dem Piepmatz Verstecken spielen.

Warum gibt der Drache eine so ganz andere Antwort? Diese Frage drängt sich jedem Kind auf und muss geklärt werden. Dazu braucht das Kind einen Verständnishintergrund, der die Kenntnis der angesprochenen Märchen voraussetzt. Der Wolf hat Macht über alle, denen er schon einmal böse mitgespielt hat. Angst leitet sie und diktiert ihre Antwort. Nur der kleine Drache reagiert völlig unbefangen und angstfrei und so auch ehrlich. Es gibt ja auch keine Geschichte mit ihm und dem Wolf. Und so steht der Wolf am Ende abgewatscht, buchstäblich nackt wie ein Kaiser in einer anderen Geschichte da. So schnell ist eine verlogene Fassade zunichte gemacht - durch eine einzige naive und ehrliche Reaktion. Und hier gilt nun wirklich das Sprichwort: "Kindermund tut Wahrheit kund!" Wunderbar gelingt es, diesen aufgeblasenen Dandy zu entlarven und buchstäblich bloß zu stellen. Der böse Wolf der Märchen hat das wahrlich verdient.

Das Kind empfindet viel Genugtuung über diese witzige Wendung, denn hier wird der Wolf nicht mit Kraft und Gewalt in seine Schranken gewiesen, sondern allein durch Furchtlosigkeit. Das kann sich der Drache leisten, denn er hat mit dem Feuer einen natürlichen Verbündeten. Nun hat der Wolf seinen Meister gefunden.

Diesem ergötzlichen Buch wünsche ich viele lesende, anschauende und zuhörende Kinder ab 5 Jahren.

Über Elisabeth Simon-Pätzold

 

 

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© 2003 - 2008 Elisabeth Simon-Pätzold

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