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Rezensionen von Elisabeth Simon-Pätzold

Nikolaus Heidelbach
Königin Gisela
2006 Beltz u. Gelberg
ISBN-10: 3-407-79906-3

Empfohlen ab 8
cover


Es gibt Bilderbücher, in denen die Bilder dominieren. Der Text hat dann eher die Rolle von Untertiteln, die den Zusammenhang der Bilder erklären. Es gibt auch Bilderbücher, in denen der Text dominiert und die Bilder das Erzählte nur punktuell veranschaulichen. Die Funktion der Bilder selbst ist verschieden. In manchen Bilderbüchern illustrieren die Bilder die Geschichte so, dass sie den Text noch einmal wiedergeben. Es ist aber auch möglich, dass Bilder etwas hinzufügen, was im Text nicht erzählt ist und weit über das hinaus geht, was uns die eigene Vorstellungskraft beim Lesen der Geschichte eingibt. Dann entsteht eine produktive Spannung zwischen Text und Illustration, die zum Nachdenken herausfordert.
Von guten Bilderbüchern erwarten wir diese bereichernde Korrespondenz zwischen Text und Bild und wir erwarten eine qualitative Balance zwischen beiden.

"Königin Gisela" ist ein Bilderbuch, das mir in jeder Hinsicht außerordentlich gut gefällt. Es wird eine sehr schöne Geschichte erzählt, eine Parabel mit märchenhaften Zügen, die in der Biographie eines kleinen Mädchens verankert ist. Mit den Bildern wird aber sowohl ein gesamter zeitgeschichtlicher Hintergrund als auch die phantastisch-exotische Szenerie der Parabel atmosphärisch eingefangen. Beide ikonographischen Realitäten korrespondieren aufs Feinste miteinander. Und selbstverständlich gibt es vielfältige Verknüpfungen zwischen Erzählung und Bildern in der Form, dass wir Parallelen erkennen zwischen dem Kind, dem erzählt wird und dem Mädchen Gisela in der Erzählung. Es entstehen so interpretatorisch relevante Aussagen aus dem Zusammenspiel von Text und Bild.

Es mag meine eigene Lesart sein, dass ich glaube, diese Geschichte so ähnlich erlebt zu haben: Der Vater, der ein Kind aus der Schar seiner 5 Kinder auswählt und mit ihm eine Reise macht. Man fuhr damals in den Süden, nach Italien, ans Meer, weit weg. Das Hotel am Meer ist der Inbegriff von Luxus und Verwöhnung. Das Meer ist unendlich beeindruckend und solange der Vater dabei ist, ist es eine exquisite Einsamkeit gemeinsam auf dem Floß - eine eigene kleine Insel.
Die Geschichte von Gisela beginnt hier mit diesem Blick auf die ins Meer ragenden weißen Felsen. Als Band durchzieht dieser Bildausschnitt Seite für Seite.

Auch mein Vater hat uns abends im Urlaub Fortsetzungsgeschichten erzählt und selbstverständlich waren sie genauso gestrickt wie die Geschichte von Gisela. Die Bilder des phantastischen und als exotisch erlebten Urlaubstages waren Bestandteile der Erzählung am Abend.

Gisela heißt das Mädchen in der Fortsetzungsgeschichte. "Fast wie ich", sagt Angela, die Tochter des erzählenden Vaters, wie wir sie nennen wollen. Gisela ist reich und verwöhnt. Aber was sie nun auf der einsamen Insel, auf der sie nach ihrem Schiffbruch gestrandet ist erlebt, ist ein Badeurlaub mit allen Annehmlichkeiten. Sie wird vom Morgen bis in die Nacht bedient. Der Kellner im Hotel ist den Erdmännchen in der Geschichte nicht unähnlich. Aber Gisela hat die unangenehme Eigenschaft, die man auch an manchen Hotelgästen beobachten kann. Sie kommandiert die Erdmännchen, ihre hilfreichen Geister, herum und nützt deren Hilfsbereitschaft und Höflichkeit bis an die Grenzen aus. "Ausbeutung der arbeitenden Klasse" nannte man das in jener Zeit, in der die Reise von Angela und ihrem Vater wohl stattgefunden hat, darf man dem Modell des Autos Glauben schenken. Es kommt zu einem Aufstand der Erdmännchen. Was Gisela verlangt, ist nicht nur Versklavung, sondern Selbstaufgabe, ja die Selbstvernichtung der dienenden Geister als Preis für einen schnöden Luxusgegenstand. Sie will einen Bikini aus Erdmännchenfell. Das ist dreist.
Klug und wirkungsvoll zeigen die kleinen Tierchen ihre Raubtierzähne. Sie morden nicht, aber sie befreien sich planvoll und endgültig von ihrer Tyrannin, indem sie sie auf ein Floß platzieren, das sie ins Meer treiben lassen.
Das Floß ist nun nicht mehr die kleine Insel der Seligen, sondern der winzige, schwankende Fleck einer Ausgestoßenen in absoluter Einsamkeit.

Ob der Vater seiner Tochter etwas Bestimmtes sagen wollte mit der Geschichte, oder ob er sie einfach nur gut unterhalten hat, wir wissen es nicht und ich würde diese Geschichte auch nicht gerne überinterpretieren. Auf alle Fälle ist es Angela, die fröhlich aus dem Autofenster winkt, als sie ihre 3 Brüder und die Mama mit dem Baby wiedersieht. Sie bleibt nicht wie Gisela für alle Zeiten auf dem einsamen Meer. Sie kehrt nach Hause zurück und wird dort wieder eines unter fünf Geschwistern sein.

Beeindruckend ist es in diesem Buch gelungen mit wunderschönen Bildern in phantastischen Farben eine Symbiose von Bild und Text zu erzeugen, wo eines ohne das andere nicht denkbar ist. Die wesentlichen Aspekte, die Tiefenschichten der Bildgeschichte, würden ohne die Bilder nicht erkennbar, aber auch die Bilder könnten ohne den Text nicht bestehen. Hier gibt es für Leser und Betrachter unglaublich viel zu entdecken auf allen Ebenen. Jedoch können Kinder insbesondere elementare Erkenntnisse über die Bildersprache gewinnen. Sie beobachten, dass Angelas Meer grün und Giselas Meer blau ist. Sie bemerken, dass am Anfang der Reise der Vater winkt, am Ende winkt Angela. Sie fragen nach dem Sinn der begleitenden Bändchen, die den Bildausschnitt des Anfangs in immer verschiedenen Farben wiederholen. Sie erkennen die Parallelität der Szenen und Motive, usw.

Dieses wunderbare Buch wünsche ich Kindern ab 7 oder 8 Jahren, die Freude an ästhetischen Büchern haben, die gerne selbst malen und sich inspirieren lassen von der Klarheit und Expressivität der Illustrationen und die etwas anfangen können mit kraftvollen und klugen Geschichten.

Über Elisabeth Simon-Pätzold

 

 

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