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Rezensionen von Elisabeth Simon-Pätzold

Özdemir, Cem
Die Türkei. Politik, Religion, Kultur
2008 Beltz & Gelberg
ISBN-13: 9783407753434

Empfohlen ab 14
cover
Ausgangspunkt dieses Buches sind Fragen: Fragen, die deutsche Jugendliche zur Türkei stellen, Fragen, die türkische Jugendlichen in Deutschland zu ihrem Herkunftsland haben, Fragen die Lehrer bewegen, weil sie bemerken, dass sie ihren türkischen Schülern nichts über ihre Herkunft vermitteln können und Fragen, die politisch Interessierte in der Debatte um die Aufnahme der Türkei in die EU formulieren. An all diese Menschen richtet sich das Buch von Cem Özdemir. Er versucht, diesen Fragenden verständlich und anschaulich Zusammenhänge aufzuzeigen, die ihnen ein differenzierteres Reden über die Türkei ermöglichen.

Cem Özdemir ist in Deutschland als Kind türkischer Eltern geboren und aufgewachsen. Er ist heute Abgeordneter des Europäischen Parlaments für die Partei der Grünen. In zehn Kapiteln beschäftigt er sich mit dem Entstehen des gegenwärtigen türkischen Staates, mit der muslimischen Religion in der Türkei, mit dem Verhältnis der Türkei zu seinen Nachbarn, mit den Folgen der Reform Atatürks von oben und den Auswirkungen des Kemalismus, mit den zum Teil traumatisierenden Auseinandersetzungen des türkischen Staates mit den Armeniern und den Kurden und anderen Minderheiten, mit dem Bildungssystem und mit den kulturellen Entwicklung des Landes. In sehr ausgewogener und sachlicher Sprache werden die einzelnen Aspekte dargestellt, immer darauf bedacht, sachgerecht, kurz und anschaulich zu argumentieren. Vielfach lässt Özdemir auch eigene, biografische Geschichten einfließen, was für jugendliche Leser sehr hilfreich ist. Der Text ist mit farbigen Fotografien angereichert.

Das Hauptanliegen Cem Özdemirs ist es, den modernen türkischen Staat aus seiner Entstehungsgeschichte heraus zu erklären. Dies ist unabdingbar notwendig, wenn man dieses Land heute gerecht und angemessen beurteilen will. Dabei wird an allen Ecken und Enden deutlich, wie viel an Reformen und Entwicklungen noch nicht abgeschlossen, oder noch gar nicht in Angriff genommen sind. Aber es wird auch der imponierende Weg deutlich, den dieses Land hinter sich gebracht hat. Dabei spielt die Leistung des charismatischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk eine ganz große Rolle. Er hat in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einer verordneten Reform aus dem osmanischen Vielvölkerstaat mit alten, orientalischen Stammesstrukturen einen modernen Staat geformt, der den Anschluss an die europäischen Länder mit einer demokratischen Staatsform zum Ziel hatte. Dazu wurde das Kalifat abgeschafft. Es wurden in allen Bereichen völlig neue Gesetzesgrundlagen geschaffen, indem man die Gesetzeswerke westlicher Länder übernahm, oder sich an diese anlehnte. Es wurde eine eigene türkische Sprache kreiert und es wurde sogar eine neue Kleiderordnung eingeführt. Möglich wurde diese radikale Veränderung in so kurzer Zeit nur durch die streng laizistische Staatsphilosophie Atatürks. Der muslimischen Religion wurde die Rolle einer alleinigen Staatsreligion zugewiesen, die ausschließlich im privaten Bereich der Menschen praktiziert werden sollte, dort aber maßgeblich die Identität des Türkentums definierte.

Dass diese Reform von oben auch ganz spezielle Probleme nach sich zog, zunächst für Jahrzehnte zum so genannten dogmatischen Kemalismus führte und eine bis heute stark wirksame, oft religiös motivierte Gegenbewegung auslöste (Kopftuchstreit), wird in Özdemirs Buch sehr deutlich. Jedoch kann man auch lernen, dass die Geschichte und Entwicklung der Türkei ein ganz besonders interessantes Modell darstellt, das Özdemir, wie viele andere Menschen im Westen auch, als ein Bücken-Modell versteht für viele Staaten des vorderen Orients. So oder ähnlich könnten auch andere muslimische Staaten sich entwickeln. Dies könnte eine Möglichkeit der Annäherung an den Westen sein, ohne dass diese Länder ihre Identität und vor allem ihre Religion aufgeben müssten.

Man wünscht dem Buch viele Leser, denn es kann helfen, dass wir uns in Deutschland besser, sachkundiger und problemorientierter über die Türkei unterhalten können. In einem Land mit rund 2,5 Millionen türkischstämmigen Mitbürgern sollten wir alle - deutsche und türkische Bürger - etwas mehr über die Türkei wissen. Bislang gibt es, fast unbegreiflich, keinerlei schulische Vermittlung zu diesem Thema und ich denke, dass einstweilen dieses Buch als Lehrbuch zum Thema Türkei eine gute Informationsgrundlage für schulischen Unterricht sein kann.

Aber gerade weil dieses Buch eine so wichtige Aufgabe zu erfüllen hat, ist es bedauerlich, dass die redaktionelle Betreuung des Textes an vielen Stellen erhebliche Mängel aufweist. Es gibt ganz ärgerliche grammatische Fehler, und es gibt sehr viele Sätze, die man aus stilistischen Gründen so nicht hätte drucken dürfen. Das tut mir besonders leid, weil das Sprachdefizit hier nicht dem Autor anzulasten ist, aber schließlich auf diesen als "Ausländer" zurück fällt.

Über Elisabeth Simon-Pätzold

 

 

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© 2003 - 2008 Elisabeth Simon-Pätzold

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